Das hier ist Teil 2. In Teil 1: Schwache KI, starke Angst ging es um die Angst, dass KI erwacht und sich selbstständig macht. Kurz gesagt: Tut sie nicht. Heutige KI ist schwach, ein Werkzeug ohne eigene Ziele.
Aber auch eine schwache KI verändert, wie wir arbeiten. Und das spüren gerade die zuerst, die jahrelang ganz vorne dabei waren.
Erst Scrum, dann Kanban, dann Zuschauen
Kaum eine Berufsgruppe musste sich in den letzten Jahren so oft neu erfinden wie Entwickler:innen. Immer die neueste Software können, das nächste Framework lernen, die nächste Projektmanagement-Methode mitmachen: erst Scrum, dann Kanban, dann irgendwas mit „Agile at Scale“. Wer nicht auf dem neuesten Stand war, war raus.
Und heute? Heute sitzen viele von ihnen vor dem Bildschirm und schauen Claude Code dabei zu, wie der Build-Haken grün wird.
Kurz übersetzt, das war Fachjargon: Claude Code ist ein KI-Werkzeug, das selbstständig programmiert. Der „Build“ ist der Moment, in dem aus dem Code ein fertiges Programm zusammengebaut wird. Wird der Haken grün, hat alles geklappt. Früher war das die Arbeit eines Menschen. Jetzt schaut der Mensch zu.
Das Meme oben bringt es auf den Punkt, und es ist einer der Gründe, warum ich mich selbst neu ausgerichtet habe. Ich will nicht die sein, die nur noch zuschaut. Ich will die sein, die festlegt, was die Maschine tun soll.
Was die Maschine ersetzt, und was nicht
Man kann daraus einen Schluss ziehen, der weniger düster ist, als er klingt. Wenn eine Maschine Code schreibt wie ein Senior Developer, dann ersetzt schwache KI eine relativ repetitive Aufgabe. Den Menschen ersetzt sie nicht. Irgendjemand muss wissen, was gebaut werden soll, für wen und warum.
Am deutlichsten sieht man das in Kunst und Kultur. Im Oktober 2026 kam in China mit „Sanxingdui: Future Past“ der erste komplett KI-generierte Kinofilm heraus. Bei einem Budget von rund 1,5 Millionen Dollar spielte er in der ersten Woche gerade einmal etwa 180.000 Dollar ein. Das Publikum blieb weg.
Das wundert mich nicht. Wer einen Film macht, hat meistens eine Bubble: Menschen, die sich für genau diese Geschichte interessieren, sie weitererzählen und sie multiplizieren. Und sei sie am Anfang noch so klein. So eine Bubble wächst um Menschen herum, nicht um Rechenleistung.
Ein Freund meinte neulich zu mir, irgendwann kaufe man von Schauspieler:innen nur noch die Rechte an ihrem KI-Avatar, und die könnten sich das Schauspielern dann ganz sparen. Mag sein, dass das technisch geht. Ob jemand dafür ins Kino geht, ist eine andere Frage. Die Zahlen aus China sprechen gerade eher dagegen.
Wohin mit all dem Können?
Bleibt die Frage, die mich gerade am meisten beschäftigt: Wo gehen die Entwickler:innen hin, deren Arbeit plötzlich weniger gebraucht wird? Und vermutlich auch weniger gut bezahlt.
Ich glaube, die Antwort ist spannender, als sie klingt. Bisher saßen die richtig guten technischen Leute fast nur dort, wo Geld für teure Technik da war: in Konzernen, Agenturen, Start-ups mit Risikokapital. Ein Sportverein, eine Tafel oder der Laden an der Ecke konnte sich so jemanden nie leisten.
Wenn teure Technik jetzt zum Soft Skill wird, den KI für alle verfügbar macht, verschiebt sich das. Hochqualifizierte Leute landen in Bereichen, die vorher schlicht kein Budget für sie hatten. Unterm Strich ist das ein Netto-Plus, und zwar überall.
Theoretisch kann die Kommunikation eines kleinen Tante-Emma-Ladens dann genauso gut sein wie die eines Discounters mit dem großen blauen Buchstaben. Das größte Potenzial sehe ich aber bei sozialen Trägern, Vereinen und allem, was das Zusammenleben hyperlokal und regional einfacher und besser macht. Genau dort, wo Menschen für Menschen arbeiten und bisher jeder Euro für Technik einer zu viel war.
Warum ich trotzdem zuversichtlich bin
Ich schaue positiv in die Zukunft. Denn wie gesagt: Die KI ist schwach, nicht stark. Sie ist ein Werkzeug, und wir können sie als Werkzeug benutzen.
Und sie demokratisiert Wissen. Wer früher Marketing wollte, brauchte eine Agentur. Heute reicht oft schon ein kleiner Agent, um das eigene Marketing selbst zu machen. Eine Masterclass braucht man dafür nicht. Sprich einfach mit deinem Agenten, er sagt dir, was er von dir braucht.
Und wenn er dir irgendwann zu den Ohren raushängt: Wechsel mal das Sprachmodell. Ich habe mit ChatGPT, Gemini von Google, Qwen, Claude, Mistral und Llama gearbeitet, und jedes setzt andere Schwerpunkte. Welches zu deinem Betrieb passt, hängt davon ab, was du machst. Genau das finde ich gern für dich heraus.
Quelle zum KI-Film: Fortune: China’s first AI film flops at the box office